Wie lebt man mit einer Hand? – seriell statt parallel!

Leben mit einer Hand – von parallel zu seriell

Das “normale“ Leben der meisten Menschen ist von einem wesentlichen Merkmal geprägt, ohne dass es ihnen überhaupt bewusst ist. Sie leben, handeln und arbeiten parallel. Das bedeutet schlichtweg, dass gesunde Menschen nicht nur mehrere Dinge gleichzeitig erledigen können, sondern auch im Rahmen einer zu erledigenden Sache mehrere Teilaspekte bewerkstelligen können.

Und ich spreche hier nicht von Multitasking. Multitasking beschreibt eher die kognitive Fähigkeit, zwei oder mehrere Aufgaben gleichzeitig zu begreifen und im Überblick zu behalten.

Nein, ich spreche davon, dass wir Menschen gleichzeitig zwei Dinge tragen können oder beim Tragen nur einer Sache zusätzlich noch andere Dinge erledigen können. So zum Beispiel kann ein gesunder Mensch selbstverständlich (o. k. wenn es selbstverständlich wäre, bräuchte ich diesen Artikel nicht zu schreiben) die Einkaufstüte tragen und gleichzeitig die Tür öffnen oder sich am Treppengeländer festhalten. Dies sind typische Beispiele für paralleles Handeln.

Im Gegensatz dazu, sind wir Einhänder dazu gezwungen, all diese Aufgaben und würden des Alltags in kleinen Machbaren Teilen zu erledigen. Dies ist dann also zwangsweise die Art des seriellen Handelns.

Ein eindringliches Beispiel dafür ist das Decken des Frühstückstisches; während der gesunde Mensch sicherlich zwei oder mehrere Dinge aus dem Kühlschrank nimmt und zusammen zum Esstisch trägt, ist der Schwerbehinderte, dem nur eine einzige Hand zur Verfügung steht, dazu gezwungen, jedes einzelne Frühstücksutensil nacheinander zum Tisch zu bringen. Eine eventuelle Faulheit oder Multitasking-Affinität wird hier überhaupt nicht berücksichtigt, denn es ist einfach nicht anders möglich.

Ursprünglich kommen die Begriffe seriell und parallel aus der Elektrotechnik bzw. EDV, wo damit die Übertragungstechnik von Datenpaketen bezeichnet wird, nämlich gleichzeitig oder nacheinander.

Gesunde Menschen können sich oft gar nicht vorstellen, in wie vielen Situationen des Alltags dieses Problem zum Tragen kommt. Dabei meine ich nicht einmal die offensichtlichen Beispiele wie das Essen mit Messer und Gabel. Nein, aber wir wenn wir schon mal in diesem Bereich sind… Wie oft haben Sie( als gesunder Mensch) schon mit der Gabel etwas zu essen in ihren Mund transportiert und schon während des zurücklegens der Gabel mit der anderen Hand zum Getränk daneben gegriffen?! Oder zur Serviette. In diesem Moment haben Sie parallel gehandelt. Wie wertvoll diese vielleicht banal erscheinenden Parallelhandlungen tatsächlich sind, erkennen Sie erst, wenn sie keine andere Möglichkeit haben, als jedes kleine Problem einzeln angehen zu müssen. D.h. erst kauen, dann die Gabel weglegen, dann vielleicht etwas trinken oder die Serviette benutzen und zwischendurch vielleicht noch kurz auf die Uhr oder das Handy schauen (was bei Einhändern zwangsweise eins ist) und dann vielleicht noch einen Bissen essen und immer wieder alles nacheinander.

Damit Sie mich nicht falsch verstehen.. Diese neue Lebensweise des seriellen Handelns ist zwar müßig, aber selbstverständlich insofern eine machbare und dankenswerter Lebensweise, als dass sie überhaupt ein Leben und eine gewisse Selbstständigkeit ermöglicht. Schließlich hätte es für die meisten von uns auch wesentlich schlimmer kommen können, wobei Pflegefall und Tod nur einige extreme Möglichkeiten darstellen. Insofern ist dies keineswegs ein beklagen oder anprangern;

vielmehr soll dieser Beitrag aufklären und vielleicht Angehörigen, Therapeuten und anderen interessierten eine Vorstellung davon vermitteln, was das Leben mit einer Hand wirklich bedeutet. Denn eine gegebenenfalls vorhandene Frustration wurzelt oftmals weniger in den offensichtlichen Problemen und der Gesamtsituation, als in den vielen Kleinigkeiten des Alltags, die uns Probleme bereiten und zum Teil unüberwindbare Hürden darstellen.

Es erscheint mir sinnvoll, diese Aufklärung mit weiteren Beispielen und Erfahrungen zu untermauern.

Morgens im Bad: der gesunde und zweihändige Mensch bereitet das Zähneputzen üblicherweise vor, indem er Zahnbürste in der einen Hand hält und mit der anderen die Zahnpasta zum Auftragen; Sie ahnen es schon… Auch hier handelt es sich offensichtlich um paralleles Arbeiten. Denn der Einhändige ist dazu gezwungen, diese Aufgabe in mehrere Teilaufgaben zu zerlegen. So wird er in der Regel die Zahnbürste irgendwo platzieren und mit der Hand (Achtung ich sage nicht die andere Hand, denn er hat ja nur eine) die Zahnpasta auf die hoffentlich fest liegende Zahnbürste auftragen und erst anschließend wieder in die Hand nehmen. Dazwischen fallen gegebenenfalls noch weitere Schritte wie das Füllen des Zahnputzbecher mit Wasser und das Spülen. In jedem Fall jedoch ist es ungleich aufwendiger und kostet Zeit und Nerven (ganz allgemein, nicht nur beim Zähneputzen).

Ein weiteres Beispiel, wenn auch etwas persönlich und delikat:

Heute ist es absolut üblich und normal, sein Smartphone auch zum Toilettengang mitzunehmen und zur entsprechenden Unterhaltung oder Kommunikation zu nutzen. Nun kann der gesunde Mensch gleichzeitig sein Smartphone halten und mit der anderen Hand den Toilettendeckel heben. Der Einhänder hingegen MUSS das Smartphone zunächst irgendwo ablegen, kann nun den Toilettendeckel heben, sich hinsetzen und abschließend das Smartphone wieder in die Hand nehmen. So privat und banal dieses Beispiel auch sein mag, so zeigt es aber eben doch auch in welchen Bereichen, an die der nicht Betroffene vielleicht gar nicht bedacht haben mag, der Zwang zum seriellen Handeln zum Tragen kommt und uns zwingt, Handlungsabläufe neu zu überdenken, Probleme anders anzugehen und kreativ und unkonventionell zu denken.

Als abschließendes Beispiel wähle ich das Kochen.. Wobei dies lediglich ein Oberbegriff für einen Problem Bereich sein kann, denn die vielen verschiedenen Tätigkeiten und Angriffe zur Zubereitung eines Gerichts sind nur so gespickt mit Hürden und Problemen. So enthält beispielsweise ein Großteil aller Rezepte Anweisungen, bestimmte Zutaten in den Einheiten Esslöffel/EL) oder Teelöffel(TL) zu bemessen und beizufügen. Nunmehr, versuchen Sie das mal mit einer Hand! Wir können nun mal leider nicht, so wie jeder gesunde Mensch, einen Löffel halten und gleichzeitig mit der anderen Hand die zu bemessene Zutat auf den Löffel befördern. Ich spare mir an dieser Stelle die Erklärung, welche Handlungsweise dabei parallel ist und welche Serie. An dieser Stelle sollte es eigentlich jeder verstanden haben.

Fazit

Ich möchte noch mal betonen, dass diese serielle Art zu leben und handeln nicht das Problem ist, sondern die Lösung! Nur so können wir mit nur einer Hand selbstständig leben wohnen und unseren Alltag überhaupt bewerkstelligen. Und genau das unterscheidet uns von einem Pflegefall. Natürlich benötigen wir oft und in vielen Situationen trotzdem Hilfe, denn es gibt dennoch unzählige Dinge die wir nicht alleine bewerkstelligen können. Aber solange wir immerhin noch eine funktionierende Hand haben (und auch dafür können wir dankbar sein) und eben alle uns gestellten Aufgaben nacheinander (seriell) und mit Bedacht angehen, ist uns ein selbständiges und vor allem selbst bestimmtes Leben möglich. Dies sollte durch das oberste Ziel eines Menschen mit Handicap sein.
Nicht zuletzt deshalb existiert ja überhaupt dieser Blog; um Betroffenen, Angehörigen und Therapeuten von meinen Erfahrungen profitieren zu lassen und Hilfestellung sowie Hilfsmittel-Empfehlungen zu geben, so gut ich es kann und ihr mich lasst.

In diesem Sinne wünsche ich euch beste Gesundheit, erfolgreiche Reha mit ganz vielen Fortschritten und ein zufriedenes und glückliches Leben

Gruß, euer Andi

5 Kommentare
  1. andrea speiser
    andrea speiser sagte:

    hallo andi, ich lebe wie du auch einhändig, und das problem mit der zahnpasta löse ich folgendermasen, ich drücke etwas zahnpasta auf das waschbecken und nehme die dann mit der zahnbürste auf und schon habe ich das problem nicht mehr, daß ich die bürste festhalten muß, im lauf der jahre bin ich auch schon auf viele tricks gekommen, die mir das leben erleichtert haben, dir weiterhin viel erfolg mit deinen videos, und viel gesundheit
    liebe grüße andrea

    Antworten
    • einhandandi
      einhandandi sagte:

      Hallo Andrea,

      das solltest du lieber nicht machen. Damit nimmst du Keime und Bakterien vom Waschbecken auf. Deshalb soll man ja auch nicht etwas versehentlich runtergefallene Zahnpasta wieder aufnehmen.

      Stattdessen kannst du die Zahnbürste einfach irgendwo ablegen, z.B. quer über den Zahnputzbecher oder auf einen Rand oder eine Kante… und dann eben die Zahnpasta direkt auf die Bürste.

      LG Andi

      Antworten

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